Kapitel 4 - Nemesis

1. Juli 1988 (Freitag) (5 Jahre nach dem letzten Report)

Es war unserer 11. Sommer im Arclay-Labor, ich war jetzt 28 Jahre alt.

Birkin war Vater geworden. Er hatte ein mittlerweile 2jähriges Mädchen, Sherry, die Mutter Annette ebenfalls Forscherin im Arclay-Labor.
Es war schwer zu glauben, dass sie in der Lage waren, zu heiraten und ein Kind auf die Welt zu bringen, während beide HIER arbeiteten. Andererseits, gerade weil Birkin nicht normal war, konnte er seine Forschungen fortsetzen.
Nur ein Verrückter konnte hier erfolgreich sein...

Nach 10 Jahren hatte unsere Forschung endlich die dritte Stufe erreicht.
Eine hoch entwickelte, intelligente "kämpfende Bio-Waffe", die programmierte Befehle ausführen würde wie ein bis zur Perfektion ausgebildeter Soldat. Dies war das Monster, das wir zu erschaffen versuchten. Wir nannten es "Tyrant".

Doch Menschen, die für die genetische Verwandlung zum Tyranten geeignet schienen, waren extrem selten.
Das liegt in der Natur des "T-Virus".
Diese Variante des "T-Virus", welche das Ideal zu Erschaffung von Zombies und Huntern darstellte, funktionierte zwar bei den meisten Menschen, aber sie besaß den inakzeptablen Fehler, dass es die Gehirnzellen seiner Opfer zu schnell zerstörte.

Um den Träger in einen Tyranten umzuwandeln, mussten wir seine Intelligenz auf einem gewissen Niveau halten. Zur Lösung dieses Problems arbeitete Birkin an einer Variante, welche nur eine geringe Schädigung des Gehirnes hervorrief, wenn sie perfekt zum genetischen Code des Trägers passte.
Allerdings, Menschen mit genau dieser genetischen Übereinstimmung waren extrem selten...

Eine Simulation des genetischen Analyse-Teams ergab, dass sich nur ein einziger von zehn Millionen infizierten Menschen in einen Tyranten verwandeln würde, alle anderen würden schlicht zu Zombies mutieren.
Es wäre sicherlich möglich gewesen, eine fortschrittlichere Variante des „T-Virus“ zu entwickeln, die mehr Menschen zu Tyranten machen würde, aber dafür benötigten wir zuerst einmal ausreichend Versuchspersonen mit einer perfekten Übereinstimmung für diese neue Variante.

Aber wie gesagt, die Wahrscheinlichkeit, an solche Versuchspersonen zu kommen, war niederschmetternd gering, denn selbst auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent würden sich im Höchstfall nur ca. 50 solcher Exemplare überhaupt befinden.
Nun, tatsächlich konnten wir selbst unter größten Anstrengungen nur ein paar wenige Menschen dieser Art auftreiben, die zudem auch nur eine ungefähre Übereinstimmung aufwiesen.

Zum ersten Mal seit Beginn unserer Forschungen waren wir an einem völlig toten Punkt angelangt.

Und dann wurde uns das Gerücht zugetragen, dass ein europäisches Labor an der Entwicklung einer "lebenden Bio-Waffe" der 3. Generation arbeitete...
Es war das "Nemesis-Projekt".

Diesmal handelte ich schnell, um eine Probe davon zu bekommen.
Natürlich war Birkin wieder dagegen, aber irgendwie schaffte ich es, ihn zur Zustimmung überreden. Wir brauchten dringend etwas, das wir als weitere Basis nutzen konnten.
Er musste akzeptieren, dass unsere Forschungen am Ende waren, bis wir die perfekt passende Versuchsperson gefunden hätten. Und das tat er auch.

Ein paar Tage später dann erreichte uns in tiefster Nacht endlich ein Packet aus Übersee. Nach einer längeren Reise über viele Umwege war "es" heil und unversehrt in einer kleinen, unscheinbaren Holzkiste auf dem Helikopterplatz der Anlage abgesetzt worden.

"Nemesis Prototyp" stand in großen Lettern auf der Kiste.

Wir hatten wahrlich einige Hebel in Bewegung gesetzt, das französische Labor dazu zu bringen, uns ihre Arbeit zukommen zu lassen, aber ohne Spencers Unterstützung hätte es nicht funktioniert.

Birkin zeigte absolut kein Interesse an Nemesis, aber wenigstens sah er ein, wie wichtig dieses Experiment für unsere eigene Arbeit war.

Diese "Waffe" basierte nämlich auf einer brandneuen Idee.
Die Grundlage für eine nahezu unbesiegbare Kampfmaschine, erzeugt durch genetische Mutation - das war Nemesis.

Tatsächlich handelte es sich um einen Parasiten, der durch genetische Veränderungen mit Intelligenz versehen wurde, allerdings ohne die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen treffen zu können.
Sobald sich dieser Parasit im Gehirn eines anderen Lebewesens eingenistet hatte, übernahm er die volle Kontrolle über dessen Geist und Körper und verlieh ihm seine hoch entwickelten Kampffähigkeiten.

Verwirklicht wurde dieses Projekt dadurch, Intelligenz und biologischen Körper für den Kampf einzeln anzubieten und sie dann zu kombinieren, um eine "lebende Bio-Waffe" herzustellen.
Wenn das erfolgreich war, brauchten wir uns keine Gedanken mehr über die Probleme zu machen, die wir uns zuvor ausgerechnet hatten...

Doch es gab auch hier ein Problem. Der Parasit nistete sich in seinem Wirt nicht immer auf die Art ein, die wir uns wünschten.
In dem Untersuchungsbericht, der der Probe angeheftet war, sahen wir nichts als eine lange Liste von Todesfällen.

Die Wirte überlebten gerade mal 5 Minuten, nachdem Nemesis die Kontrolle über ihre Gehirne übernommen hatte.
Aber wir wussten bereits, dass auch ein unfertiger Prototyp extrem gefährlich sein würde.
Wenn wir es schafften, das Überleben des Wirtes sicherzustellen, dann durften wir hoffen, die Führung im "Nemesis-Projekt" zu übernehmen.
Das war mein Ziel.

Natürlich plante ich sofort, Lisa, die weibliche Versuchsperson, einzusetzen.
Mit ihrer abnormalen Überlebensfähigkeit könnte sie den Nemesis-Prototypen eine lange Zeit in sich tragen. Und auch wenn dieser Versuch scheitern sollte, hatten wir nichts verloren.
Wie dem auch sei, unsere Experimente nahmen nun eine unerwartete Wendung.

Wir verloren Nemesis an Lisa, als er versuchte, in ihr Gehirn einzudringen. Zunächst konnten wir nicht verstehen, wie das geschehen konnte.
Niemals hätten wir gedacht, dass SIE den Parasiten übernehmen würde und nicht umgekehrt!
Das war der Anfang.

Ihren vorherigen Zustand hätte man ruhig als sinnlos dahinvegetierende Kreatur bezeichnen können, mehr tot als lebendig, doch als Nemesis in sie eintrat, schien eine Reaktion zu passieren, etwas in ihr begann zu erwachen...
Wir mussten sie dringend noch einmal gründlich untersuchen.
Während der letzen 10 Jahre war sie bis ins kleinste Detail überprüft worden, doch wir hatten entschieden, die alten Daten einfach zu ignorieren und ganz von vorn zu beginnen.
Nach unendlich vielen Untersuchungen und Tests hatte Birkin schließlich begriffen, was passiert war. Definitiv existierte etwas in ihr.

Was auch immer es war, es führte über das eigentliche "T-Virus" Projekt weit hinaus und zeigte uns eine völlig neue und andere Möglichkeit auf.

Das war der Beginn des Projektes "G-Virus", welches all unsere urspünglichen Ziele verändern sollte...