Kapitel 3 - Alexia 2

31. Dezember 1983 (2 Jahre nach dem letzten Report)

Mein sechster Winter im Arclay-Labor. Zwei nahezu völlig sinnlose Jahre waren vergangen, ohne positive Erfolge verzeichnen zu können, aber jetzt war der Wendepunkt endlich erreicht! Der Auslöser war ein Bericht gewesen, den wir an diesem Morgen empfangen hatten. Alexia war gestorben! Es hieß, dass sie sich versehentlich mit dem von ihr selbst entwickelten T-Veronica-Virus, infiziert hatte...

Zu dieser Zeit war Alexia erst 12 Jahre alt und damit definitiv viel zu jung, um derart gefährliche Forschungen zu betreiben... Das Gerücht ging um, Alexia hätte sich absichtlich mit dem Virus infiziert, aber das schien doch ziemlich unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher war es, dass sie den frühen Tod ihres Vaters, Alexander Ashford, vor einem Jahr noch immer nicht verwunden hatte und aus Unkonzentriertheit einen Fehler machte. Nach Alexias Tod wurden die Forschungsarbeiten im Südpol-Labor von ihrem Zwillingsbruder Alfred übernommen, ihr einziger noch lebender Blutsverwandter.

Aber niemand erwartete irgendwelche weltbewegenden Resultate von ihm. Die Reihe der Ashford-Familie schien nun so gut wie ausgestorben zu sein, ohne jemals etwas Bemerkenswertes entwickelt zu haben. Wie ich es erwartet hatte, schien die Legende um diese Familie nicht mehr zu sein, als eben eine Legende. Aber Alexias Tot veränderte Birkins Bewußtsein – oder sollte ich besser sagen, verwandelte ihn zurück in die Person, die er einst gewesen war. Ein Hauptfaktor in Birkins psychologischer Gesundung war, dass die mit ihm arbeitenden Forscher anfingen, ihm mehr Respekt entgegenzubringen.

Nach Alexias Tod gab es niemanden mehr, der mehr Potential hatte als er. Dennoch, in seiner Gegenwart über Alexia zu sprechen, war nach wie vor ein Tabu. Birkin war strikt dagegen, dass ich versuchen wollte, eine Probe des T-Veronica-Virus zu bekommen... Also unterließ ich es vorläufig. Ich musste auf eine bessere Gelegenheit warten, um die Wahrheit über Alexias Forschungen herauszufinden. Auch die Tatsache, dass Alexia tot und Birkin nun wieder in einer viel stärkeren Position war, ließ ihn nicht vernünftig werden. Wie dem auch sei, in diesen Tagen musste ich mich viel größeren Problemen zuwenden.

Das Arclay-Labor befand sich im Zentrum einer Bergregion, umgeben von nichts als tiefen Wäldern. Während meiner Zeit dort ging ich oft hinaus, um spazieren zu gehen, habe aber nie eine Menschenseele dort draußen getroffen. Ein Helikopter war in der Tat der einzige Weg, dieses Areal zu erreichen, wodurch es unerreichbar für Unbefugte wurde. Diese absolute Abgelegenheit und die relativ geringe Anzahl von Beschäftigten waren wichtige Faktoren für das Institut gewesen, um das Potential eines Desasters bei einem eventuellen Ausbruch des Virus so gering wie möglich zu halten. Aber biologische Waffen sind nicht so simpel wie man glauben mag. Die Viren würden nicht nur Menschen befallen. Und kein Virus befällt nur einen einzigen Träger.

Zum Beispiel kann das Grippe-Virus neben Menschen auch Vögel, Schweine, Pferde und sogar Seelöwen befallen. Es wird noch komplizierter, wenn nicht alle Spezies einer Familie infiziert werden können. Zum Beispiel könnten Enten und Hühner von einer Virusart befallen werden, aber nicht die anderen Vogelarten. Weiterhin könnte dasselbe Virus - abhängig von seinen Varianten - verschiedene Träger befallen. Es ist unmöglich, alle Träger von auch nur einem Virus zu kennen. Das größte Problem war die hohe Anpassungsfähigkeit des "T-Virus". Während Birkin nicht viel zustande brachte, hatte ich die Möglichkeit einer Sekundär-Infektion durch das T-Virus studiert. Ich fand heraus, dass das T-Virus von nahezu allen Spezies angenommen wird. Nicht nur von Menschen und Tieren, sondern auch von Pflanzen, Insekten und Fischen.

Fast jede Lebensform dieser Erde hat das Potential, das T-Virus aufzunehmen, zu vervielfachen und zu verbreiten. Während ich ganz allein durch die Wälder streifte, fragte ich mich oft, warum Spencer ausgerechnet diesen Ort gewählt hatte. In diesen Wäldern gab es unzählige der verschiedensten Lebewesen. Was würde passieren, wenn das Virus freigesetzt würde und in Kontakt mit einem möglichen Träger käme? Wenn es Insekten wären, würde es aufgrund ihrer Größe vermutlich keine größere Sekundär-Infektion geben. Aber Insekten können sich enorm vermehren und bewegen sich in weitem Radius.

In diesem Falle, wie schnell und wie weit würde sich das Virus verbreiten? Angenommen, es handelt sich um Pflanzen. Hier mag es zunächst so scheinen, dass die Möglichkeit einer Massen-Infektion gering wäre, da sich Pflanzen nicht fortbewegen. Aber was ist mit ihren Pollen? Dieser Ort war zu gefährlich. Wenn man es so betrachtete, machte es durchaus Sinn, dass die Ashfords den Südpol als Standort für ihr Labor gewählt hatten. Im Gegensatz dazu, schien dieser Ort geradezu dafür ausgewählt worden zu sein, das Virus zu verbreiten. Aber das konnte doch nicht wahr sein, oder etwa doch? Was wollte Spencer von uns?

Diese Gedanken waren zu gefährlich, um sie mit irgend jemandem im Labor zu teilen. Die einzige Person, an die ich möglicherweise wenden konnte, war Birkin. Leider es war offensichtlich, dass es keine Möglichkeit gab, mit ihm darüber zu sprechen. Was ich brauchte, waren mehr Informationen, aber woher? Zu dieser Zeit begann ich zu begreifen, dass ich die Grenzen meiner Fähigkeiten als Forscher nahezu erreicht hatte. Um Spencers wahre Absichten herauszufinden, musste ich eine Position übernehmen, die mir Zugang zu den Informationen ermöglichte, die ich benötigte. Ich hätte nicht gezögert, meine derzeitige Position aus diesem Grunde jetzt und sofort aufzugeben.

Aber ich wollte nicht zu hastig vorgehen, denn wenn Spencer Zweifel an meinen Motiven gehabt hätte, wäre das Spiel aus gewesen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Ich konzentrierte mich also weiterhin auf Birkin und die Forschungen und hütete mich davor zu verraten, womit sich meine Gedanken in Wirklichkeit beschäftigten. Während wir intensiv weiter arbeiteten, hatten wir Lisa, die weibliche Versuchsperson, schon fast vergessen. Sie war ein Fehler, ohne Nutzen, doch sie lebte immer noch. Wir nannten sie "einen Fehler", weil sie keine brauchbaren Daten lieferte. Bis wir 5 Jahre später jenes Experiment durchführten...